[Blogroman] Das Siegel #9 – TEASER.

SIEGEL9tease

Ihr Lieben, ich muss euch leider vertrösten, denn ich bin beim Siegel immer noch nicht weitergekommen. Es sind zu viele andere Sachen dazwischengekommen, die gerade meine Aufmerksamkeit benötigen. Und damit ihr mir nicht allzu böse seid, gibt es hier einen Teaser für Folge 9. Viel Spaß damit!

Eure nogusvelo
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Ein Anschlag auf den früheren spanischen Botschafter wurde gestern scheinbar vereitelt. Während einer Hausbesichtigung im Hamburger Stadtteil Altona ereignete sich die Tat. Als Xavier Álvarez und seine Ehefrau nichts ahnend die Aussicht vom Balkon des Hauses betrachteten, feuerte ein Schütze auf das frisch vermählte Paar. Und verfehlte sie. Dank den Adleraugen des Leibwächters konnte das Schlimmste verhindert werden. Nach den Angaben der Polizei konnte noch nicht festgestellt werden, von wo aus die Kugel abgeschossen wurde und wer hinter der Tat steckt. Noch hat sich niemand dazu bekannt. Doch uns hat die Information erreicht, dass neben dem Paar, dem Leibwächter und dem bekannten Immobilienmakler, Cristian Deispara, sich noch eine Person am Tatort befunden hatte, die kurz darauf verschwand. Es besteht der Verdacht, dass diese Person etwas mit dem Anschlag zu tun hatte, so die BILD. Das würde allerdings bedeuten, dass mehr als eine Person an dem Verbrechen beteiligt war. Ob ein politischer Plot dahinter zu vermuten ist, bleibt auch noch offen. Allerdings wurde keine dieser Mutmaßungen bisher von der Polizei bestätigt. Nun folgt das Wetter und bleiben Sie danach dran für eine weitere Folge von „Zukunft ohne Menschen — Das letzte Abendmahl“!

Er drückte auf den roten Knopf der Fernbedienung und die Bilder verschwanden vom glänzenden Monitor. Diese Schwachköpfe. Erwähne einmal im Telefonat die BILD und schon werden die wildesten Ideen als ernstzunehmende Vermutungen dargestellt. Solange diese von einem Schmierblatt stammten, konnten sie ganz einfach wieder eingestampft werden. Deswegen mochte er diese Spezies so sehr. Menschen waren einfach gestrickt. Schenkte man ihnen einen kleinen Funken, setzten sie gleich die ganze Welt in Flammen, um später die Schuld von sich zu weisen. Es machte Spaß, mit ihnen zu spielen und sie zu manipulieren, ohne dass sie es überhaupt merkten. Er lehnte sich im weichen Ledersessel zurück und blickte zur Seite durch das einseitig verspiegelte Glas. Eigentlich hätte es nicht besser laufen können. Zwar hatte er nicht geplant, dass die Göre mit einem Großkaliber auf sie zielte, doch kam es ihm nur recht, dass er selbst in all diesem Durcheinander unentdeckt geblieben war. Nun musste nur noch der letzte Hinweis auf die sogenannte weitere Person ausgelöscht werden, aber das sollte ein Klacks werden. Er stand auf und trat mit einem Lächeln an das Glas heran. Die Hände in den Hosentaschen betrachtete er den Anblick, den er seit vierzig Jahren vermisst hatte. Würde sie sich auch so sehr freuen, ihn wiederzusehen?

[Blogroman] Das Siegel #8.

SIEGEL8

Bevor sie sich auf ihrem Platz postierte, kümmerte sie sich um jegliche Vorkehrungen, die getroffen werden mussten, damit sie nicht frühzeitig entdeckt werden würde. Die Entfernung war weit genug, um von der Zielperson weder gesehen noch gehört zu werden, und nah genug, um diese trotzdem mit 100-prozentiger Sicherheit auszuschalten. Sie liebte diese modernen Bauten, die in jeden Winkel des Hauses Einblick boten, ohne dass man auch nur einen Fuß hineinsetzen musste. Sicherheitshalber hatte sie sich dennoch einen Plan des Gebäudes besorgt, auch wenn sie ihn letztendlich gar nicht brauchen würde. Frau musste schließlich auf jedes Szenario vorbereitet sein.

Ihr Versteck war nicht sonderlich einfallsreich, aber sie erwartete auch nicht, dass jemand mit ihrer Anwesenheit rechnete. Oder mit ihrem Auftrag. Insgesamt war es sehr einfach gewesen, herauszufinden, wann sich die beste Gelegenheit bieten würde, zuzuschlagen. Noch einfacher war es, sie genau an diesen Ort zu bestellen. Niemand ahnte auch nur, dass der Botschafter mit der grazilen Taille eines Sumoringers sich eigentlich ein gänzlich anderes Haus ausgesucht hatte. Nun schien er aber von diesem Glaspalast fasziniert zu sein, obwohl seine Angst vor durchsichtigem Glas nach dem Unfall seiner ersten Frau unermesslich hoch war. Seine dritte und derzeitige Frau wusste allerdings ihre Reize einzusetzen und beeinflusste seine Sinne so weit, dass er gar nicht anders konnte, als dieses Haus zu lieben.

Sie blickte durch den Sucher des Gewehrs und fand die kleine Runde dabei, oberflächliche Informationen auszutauschen und über unterirdische Witze zu lachen. Natürlich hörte sie auf die Entfernung kein einziges Wort, das gesagt wurde, aber nach den vielen Jahren, in denen sie Erfahrung sammeln konnte, war es ein Leichtes, die Gespräche von den Lippen der Beteiligten abzulesen. Sie rollte unwillentlich mit den Augen, als der gebügelte Lackaffe die Blondine halbherzig an sich drückte und als sein bestes Pferd im Stall bezeichnete. Was glaubte er, wer er war? Ihr Zuhälter?

Der Plan sah es vor, dass die Zielperson mit den restlichen Anwesenden ins erste Obergeschoss ging, um sich den Balkon anzusehen, der Romeo hätte wie einen Schürzenjäger aussehen lassen, weil er das Unterhöschen von Julia hätte aus jedem Winkel sehen können. Dann würde vom Makler die ziemlich durchschnittliche Aussicht angepriesen werden. Das war der Moment, an dem sie zuschlagen konnte. Der viele Platz lud dazu ein, einmal am Gelände entlangzulaufen. Einer nach dem anderen. Wie eine Entenfamilie. So würde ihr niemand im Weg stehen, wenn sie schließlich abdrückte.

Jetzt standen die fünf Personen noch immer im Wohnbereich. Der Playboy hatte von der Kleinen abgelassen und erzählte etwas von der Architektur des Gebäudes. Irgendwas mit viel Licht und Freiheitsgefühl durch die großen und offenen Räume. Sie musste lächeln. Gleich würde es aber ziemlich einengend werden. Der Botschafter lief langsam umher und nickte gelegentlich, um den Eindruck zu erwecken, er würde zuhören. Seine Frau, die in ihrem Kleidchen nichts der Fantasie überließ, stand wie angewurzelt an ihrem Platz. Ihr Blick klebte regelrecht an den Lippen des Maklers. Allerdings hörte sie wahrscheinlich genauso wenig etwas davon, was er sagte, wie ihr Gatte. Der Bodyguard stand etwas abseits, die Hände vor dem Bauch gefaltet, und ließ seine Schützlinge nicht aus den Augen.

„Was zum?“, flüsterte sie und sah sich den Mann genauer an. Ohne den Blick von ihm zu wenden, drückte sie auf den Knopf in ihrem Ohr. Ein kurzes Rauschen gab ihr das Zeichen, dass sie nun mit dem Hauptquartier verbunden war.

„Möchte mir irgendjemand erklären, was Kain auf meinem Spielplatz treibt?!“, zischte sie, während sie weiterhin durch den Sucher blickte. Dieser Dreckskerl pfuschte ihr schon seit seinem ersten Tag ins Handwerk. Wie oft hatte sie ihn gewarnt, von ihren Aufträgen fernzubleiben und sich um seinen eigenen Kram zu kümmern? Schon letzte Nacht hätte er ihr fast alles versaut, indem er in die Wohnung der Zielperson eingedrungen war und auch noch Kontakt zu ihr aufgenommen hatte. Hätte sie nicht alles vor Anbruch des Tages gerichtet, wäre die blöde Nuss niemals heute hier aufgetaucht. Was glaubte er überhaupt, wer er war? Er hätte fast ein ganzes Jahr Planung in den Abfluss geschüttet.

„Keine Ahnung“, erklang es in ihrem Ohr. „Er sollte eigentlich schon seit einer Woche in Russland sein.“

„Ist er aber nicht! Dieser Schwachkopf glotzt gerade in diesem Moment in meine Richtung! Sagt ihm gefälligst, er soll sich nicht einmischen, sonst jage ich ihm auch noch eine Kugel zwischen die Augen!“

„Meg, du weißt, dass es Ärger gibt, wenn du das tust.“ Die männliche Stimme am anderen Ende der Leitung klang drohend aber trotzdem ruhig. Niemand erwartete, dass alle miteinander klarkamen oder sich sogar mochten. Aber sie mussten sich gegenseitig tolerieren und akzeptieren.

Sie schnalzte mit der Zunge und knurrte leise, um den Frust loszuwerden.

„Ja, verdammt, ich weiß. Sagt ihm einfach, er soll sich raushalten.“

Endlich bewegten sie sich Richtung Treppe und waren schließlich im ersten Obergeschoss. Der Lackaffe quatschte unentwegt und wedelte mit den Armen, um ja die Größe der Räume zu betonen. Die Kleine hingegen blieb die ganze Zeit im Hintergrund. Meg seufzte frustriert. Sie hasste es, wenn Zielpersonen introvertiert waren. Das hieß, dass sie sich nie in den Vordergrund drängten und immer anderen den Vortritt ließen. Das machte doch keinen Spaß, wenn man durch jemanden hindurch schießen musste. Das heißt, es machte schon Spaß, aber es war gegen die Regeln. Und wer gegen die Regeln verstieß, wurde nicht bezahlt. So einfach war das.

Als alle auf den Balkon traten, kämpfte Meg gegen die Anspannung im Körper. Sie durfte nicht verkrampfen. Körper und Geist mussten locker und frei bleiben, um Fehlerquellen zu minimieren. Wenn ihr Finger am Abzug verkrampfte, hätte sie genauso gut nach Hause gehen können. Sie atmete langsam aus und spürte, wie sich die Glieder lockerten. So war das richtig.

Sie standen nebeneinander am Geländer, nur Kain blieb immer hinter ihnen. Er suchte nicht die Umgebung ab, um nahende Gefahren zu erkennen und eliminieren, wie man es von einem guten Bodyguard erwartete. Sein Blick war stets auf Meg gerichtet und das brachte sie zur Weißglut. Dieser Penner wusste genau, dass sie sich auf dem Dach des 400 Meter entfernten Hochhauses befand. Das war auch die einzige Position, aus der sie einen guten Blick auf das Gebäude hatte. Aber woher wusste er, dass sie gerade heute und gerade jetzt ihren Angriff plante? Diese Informationen waren hochgradig vertraulich.

Meg schüttelte den Kopf und versuchte sich zu konzentrieren. Sie durfte nicht abgelenkt werden. Wenn sie diese Chance nicht nutzte, würde der Auftrag an jemand anderen weitergegeben werden und sie hätte ihre einzige Chance weggeworfen, bei den ganz Großen mitzuspielen. Nur dieses eine Köpfchen sprengen und sie konnte endlich die großen Fische angeln.

Die Blondine stand nun an der Seite des Balkons, die Meg zugewandt war, und lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer. Niemand war in ihrer Nähe, weil jeder mit sich selbst beschäftigt war. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, eine zurückhaltende Zielperson zu haben. Sie hielt sich schließlich immer aus großen Menschenmengen heraus und war meist alleine. Wieder musste Meg lächeln. Der Zeigefinger strich sanft die Seite des Abzugs, als sie vorsichtshalber die Umgebung musterte. Es wäre zu unangenehm gewesen, wenn sie noch jemanden ausgeschaltet hätte. Nein, die Luft war rein. Eva Rai stand alleine an der Seite des Balkons. Das war ja einfacher, als sie geglaubt hatte. Sie legte den Zeigefinger sachte auf den Abzug und zielte mit dem dünnen Kreuz im Sucher auf ihren Hinterkopf. Und drückte ab. Ein Kinderspiel.

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Die nächste Folge von Das Siegel kommt nächsten Donnerstag um 19.00 Uhr.

Wer die letzte Folge verpasst hat, kann sie hier nachlesen oder ganz von vorn anfangen. :)

Eure nogusvelo

[Blogroman] Das Siegel #7.

SIEGEL7

„Ich hatte zwar nicht vor, euch einander vorzustellen, aber jetzt komme ich ja nicht drum herum.“ Sophie seufzte und setzte schließlich ein Lächeln auf, das viel zu glücklich schien. „Eve, das ist Kai. Wir kennen uns aus…“ Sie verengte die Augen und sah zu ihm hoch. „Das gibt es doch nicht. Woher kennen wir uns nochmal?“

Er lächelte und legte einen Arm um ihre Taille.

„Der Golden Pudel Club. Ich habe sie vor ein paar Kreaturen gerettet.“ Sein Blick verweilte auf Evas Gesicht, während er sprach. „Sie passte da auch irgendwie absolut nicht hin.“

Evas Augen streiften ständig von ihm zu Sophies strahlendem Gesicht und wieder zurück. Sie kaute nervös auf ihrer Lippe und knetete den Griff ihrer Tasche, wollte sich aber nichts anmerken lassen.

„Der Golden Pudel? Ich versuche schon seit Jahren, dich dort reinzubekommen. Wann hast du dich entschieden, mich zu hintergehen, Madame?“ Eva musste Prioritäten setzen und entschied sich, sich auf ihre Freundin zu konzentrieren, als den Fremden mit Blicken zu durchbohren. „Sag nur noch, dass einer der Kids dich dort hingebracht hat.“

Sophie kicherte.

Sophie kicherte nie.

Wirklich nie.

„Wie lange kennt ihr euch denn schon?“, fragte Eva und versuchte, jedes Detail in Kais Gesicht, Stimme und Haltung zu behalten. Auch jedes Wort, das aus seinem Mund kam, jede noch so kleine und unwichtige Information merkte sie sich. Von nun an war Vorsicht geboten. Auch wenn es nur ein Traum gewesen war, schien es seltsam genug zu sein, dass sie von einem Mann in Sophies Leben geträumt hatte, ohne ihn vorher kennengelernt zu haben. Ihre angeborene Paranoia meldete sich in ihrer vollen Ausführung.

„Zwei wundervolle Wochen“, säuselte Sophie und legte die Hände an seinen Arm, um diesen fester um ihre Taille zu schlingen. Es war fast so, als hätte sie viel lieber Kai um sich gewickelt statt der Decke, die nur noch lose um ihre Brust hing.

Kai lächelte und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf.

„Dafür seht ihr schon sehr vertraut aus.“ Eva zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, dass es nicht so falsch aussah, wie es sich anfühlte. Ihr Handy gab einen kurzen Ton von sich und unterbrach ihre Bemühungen, sich normal zu benehmen.

„Stimmt, ich habe das Gefühl, Kai schon eine Ewigkeit zu kennen“, bestätigte Sophie und schmiegte sich an seine nackte Brust. „Manchmal denke ich, dass es Schicksal war, dass ich in diesen seltsamen Club gegangen bin.“

„Ein Schicksal, zu dem ich dich die Hälfte meines Lebens gedrängt habe“, murmelte Eva und überflog die Nachricht, die Mona ihr zugesandt hatte. Mit jedem gelesenen Wort verdunkelte sich ihre Miene.

Klasse. Ihr erster Kundenkontakt musste also unbedingt an einem Samstagnachmittag sein und nur eine halbe Stunde vorher angekündigt werden. Sie seufzte und packte das Handy schließlich wieder weg.

„Ihr könnt euch heute noch mehr eurer schicksalhaften Begegnung hingeben, weil ich jetzt leider arbeiten muss.“

„Was?“ Sophie erwachte aus ihrer Trance. „Jetzt? Am Wochenende?“

„Anscheinend interessiert es Deispara nicht, ob ich schon etwas vorhabe oder nicht. Er hat mich zu einer Hausbesichtigung in Altona geladen, damit ich etwas lernen kann.“ Mit einem Augenrollen setzte sie die letzten Worte mit den Fingern in Anführungszeichen, um Monas Wortwahl zu zitieren. „Ich muss jetzt also los.“

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Wenigstens nimmt er dich ernst und möchte, dass du das Handwerk erlernst.“

„Wie auch immer.“ Eva winkte den Gedanken ab. „Jedenfalls muss ich mich beeilen, damit ich es schaffe, rechtzeitig da zu sein. Eine halbe Stunde ist echt knapp.“

„Ich kann dich gerne mit dem Auto mitnehmen, ich muss sowieso in die Richtung“, schlug Kai vor. „Meine Schicht beginnt in einer Stunde und ich bin lieber etwas früher vor Ort.“

„Ich dachte, du arbeitest erst heute Abend?“, schmollte Sophie.

Eva überlegte panisch, mit welcher Ausrede sie das Angebot abschlagen konnte. Sie wollte ganz bestimmt nicht mit diesem Menschen alleine in einem Auto sitzen. Vielleicht übertrieb sie, was ihre Vorsicht Kai gegenüber anging, doch ließ sie ihr Traum einfach nicht los. Sobald sich ihre Blicke trafen, spürte sie ständig den Arm an ihrer Kehle, der ihr nach und nach die Luft zum Atmen nahm. Da war wieder sein Atem an ihrem Ohr und die ruhige Stimme, die ihr sagte, dass sie niemals ihr Glück finden würde.

„Ich habe vorhin einen Anruf bekommen“, erklärte er und suchte Evas Blick. „Also?“

„Nur keine Umstände, die Anbindung mit der Bahn ist in die Richtung bestens. Ich komme schon klar,“ wies ihn Eva schließlich hektisch ab. „Zudem braucht man mit dem Auto wesentlich länger. Am Wochenende ist die Rush Hour omnipräsent.“

„Komm schon, stell dich nicht so an, Eve“, mischte sich Sophie ein. „Kai kann dich bestimmt zweimal schneller ans Ziel bringen. Ich kann jedenfalls behaupten, dass ich heute schon mehrmals erfolgreich an meinem angekommen bin.“ Sie grinste.

Eva seufzte und strich sich mit den Händen übers Gesicht.

„Wenn ich zustimme, hörst du dann auf, über eure physischen Aktivitäten zu schwadronieren?“

Sophie lachte.

„Wer hat hier etwas davon gesagt? Ich meinte, dass er mich heute schon zu unserem Treffpunkt und wieder nach Hause gebracht hat. Eve, du und deine dreckige Fantasie.“

Nur wenige Minuten später saß Eva auf dem Beifahrersitz des Audi, den Kai sein Eigen nennen konnte. Es war wie immer verlaufen. Sophie hatte das letzte Wort und übernahm Evas Entscheidungsfreiheit. Oder besser gesagt, sie hatte ihre Fäden an sich gerissen und leitete ihre Freundin, wo immer sie glaube, dass es es für diese am besten wäre. In manchen Fällen war Eva froh, Sophie zu haben, weil sich so Entscheidungen leichter fällen ließen. Doch in Momenten wie diesen wünschte sie sich, dass sie einen stärkeren Charakter hätte beweisen können und einfach nein sagte.

Von außen hatte der Wagen schon sehr gepflegt gewirkt, als wäre er erst einige Tage alt. Auch im Inneren roch es noch nach Neuwagen und kein Staubkorn fand sich auf der Armatur. Während der Fahrt hielt Eva den Blick starr nach vorn gerichtet und kämpfte gegen jede Faser in ihrem Körper, Kai von der Seite zu beobachten. Er schien nett zu sein, kümmerte sich um Sophie und nun sogar um Eva selbst. Trotzdem konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass er Ärger bedeutete.

„Was genau ist deine Arbeit?“, fragte er plötzlich und Eva zuckte zusammen, als wäre sie bei ihren Gedanken ertappt worden.

Sei nicht albern, er kann doch keine Gedanken lesen, ermahnte sie sich.

„Ich bin in der Immobilienverwaltung tätig“, antwortete sie knapp.

„Aber noch nicht lange, richtig?“ Er lachte, als sie ihn fragend und skeptisch zugleich ansah. „Du hast doch selbst gemeint, dass du etwas lernen sollst.“ Er zeichnete Anführungszeichen in die Luft, um ihr Zitat zu unterstreichen.

„Ja, noch nicht lange.“ Eva wollte das Gespräch so kurz und informationslos halten, wie es nur ging. Was auch immer mit diesem Mann war, es wäre so oder so in einem Monat vorbei, wenn sie Sophie Glauben schenken durfte. Um sich selbst und auch ihm einen Gefallen zu tun, würde sie die Autofahrt hindurch still sitzen bleiben, sich im Nachhinein bedanken und danach würde er für immer aus ihrem Leben verschwinden. So war der Plan.

„Also ich bin im Bereich des Personenschutzes unterwegs“, erzählte er ungefragt. „Deswegen bin ich auch ständig an unterschiedlichen Orten. Ich reise mit den Kunden mit. Der Job ist total abwechslungsreich. Man lernt viele Leute und neue Länder kennen. Es ist ziemlich cool, wenn man bedenkt, dass mir unter anderem meine Urlaubsreisen vom Arbeitgeber finanziert werden.“

„Mhm“, machte Eva und blickte aus dem Seitenfenster.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“

„Das war schon eine.“

Er nickte. „Ja, und jetzt zur eigentlichen Frage: Warum magst du mich nicht?“

„Was?“ Sie sah ihn schließlich an und, als sie an einer Ampel standen, erwiderte er ihren Blick, sodass sie ihm gleich auswich.

„Du hast mich das erste Mal gesehen und musstest sofort ein falsches Lächeln aufsetzen.“

Eva starrte wieder nach vorn, als das Auto sich erneut in Bewegung setzte. Am liebsten hätte sie die Tür aufgerissen und wäre wie James Bond noch während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen. Aber sie war weder James Bond noch geistesabwesend. Schließlich entschied sie sich aber, auf seine Frage zu antworten und das zu tun, was sie am besten konnte. Sie log.

„Manche Leute mag man einfach nicht. Es muss dafür keine Erklärung geben. Das ist vielleicht unfair, aber ich kann es auch nicht ändern.“

„So kannst du niemals Glück unter den Menschen finden“, erwiderte er ruhig.

„Was hast du gesagt?“ Eva starrte ihn erneut an.

Du wirst unter den Menschen niemals dein Glück finden. Da war sie wieder, die panische Angst, dass der Traum gar keiner gewesen war.

„So kannst du niemals glücklich werden, habe ich gesagt. Wenn du von vorn herein diejenigen ausschließt, die dir unsympathisch erscheinen.“

Eva rieb sich die Arme, um die Gänsehaut loszuwerden. Sie hatte sich nur verhört. Ihr Kopf spielte ihr wie immer einen Streich. Kein Grund zur Panik.

Bis sie an ihrem Ziel angelangt waren, füllte eine angespannte Stille das Auto. Die Luft war buchstäblich zu dick, um sie zu atmen. Nicht nur, dass Eva ständig das Gefühl hatte, ihr würde jemand die Luftröhre zerquetschen, nun war es zusätzlich schwerer geworden, an den lebensrettenden Sauerstoff zu gelangen. Sobald das Auto hielt, sprang sie raus und atmete in tiefen Zügen ein und aus, als wollte sie eine Hyperventilation verhindern.

„Alles in Ordnung?“, hörte sie Kai neben sich und schüttelte den Kopf. „Vielleicht sollte ich dich besser nach Hause bringen?“

Wieder verneinte sie stumm.

„Nein, ich komme schon klar. Danke fürs bringen. Du kannst ruhig wieder fahren.“

Ohne ein weiteres Wort oder ihn nochmal auszusehen, stolzierte Eva den Weg zum Haus entlang. Hauptsache weg von ihm. Sie musste sich nun aufs Wesentliche konzentrieren.

Die Adresse, die ihr von Mona zugeschickt wurde, gehörte nicht zu einem Haus. Das Gebäude war eine moderne Villa. Ein Glaspalast. Nicht mehr und nicht weniger. Das Tor zum Vorgarten, der ein halbes Fußballfeld maß und mit feinstem englischen Rasen versehen war, stand offen, was Eva als Einladung verstand. Zudem war sie Teil der Verwaltung, warum sollte sie das noch unbewohnte Grundstück auch nicht betreten dürfen? Der Garten war genauso minimalistisch wie das allglatte Gebäude selbst. Es waren keine Blumen oder andere Pflanzen in Sichtweite. Der Rasen schien der einzige lebende Schmuck zu sein. Einige Gehplatten führten um die gläserne Villa herum und Eva folgte dem Weg. Mon hatte darauf hingewiesen, dass sie ausschließlich durch den Hintereingang hineingehen sollte. Was auch immer diese Vorsichtsmaßnahmen bedeuten sollten, schließlich war kein Mensch anwesend.

Der Anblick von hinten war nicht minder beeindruckend, weil Eva nun direkt vor eine riesigen Pool stand. Natürlich gehörte zu so einem Heim ein entsprechender Pool. Die steinerne Terrasse davor war mit weißen Möbeln versehen und damit die Frau von Welt nicht zu viel Sonne abbekam, hing weißer Stoff als Dach über den Liegen. Der Garten auf dieser Seite war komplett von sichtdichten Hecken umzäunt und hier und da stand eine Palme, die dem kalten Norden ein tropisches Gefühl verleihen sollten.

Noch immer hatte Eva niemanden auf dem Grundstück aufgefunden und ging durch die offenen Glastüren ins Gebäude. Sofort wurde sie aber von hinten von Händen gepackt und zum Stehen gebracht. Sie machte vor Schreck ein quiekendes Geräusch.

„Was glaube Sie, wo Sie hingehen?“, fragte sie der Mann in einer schwarzen Uniform.

„Ähm. Ich bin von DEIS Immobilien und habe einen Kundentermin“, antwortete sie kleinlaut.

Der Mann musterte sie von oben bis unten.

„Ist das so? In dem Aufzug möchten Sie diese millionenschwere Immobilie einem Kunden vorstellen?“

Eva sah an sich herunter und fluchte innerlich. Sie würde auch niemandem glauben, der in Kapuzenpullover, Jeans und Chucks zu einem Termin ging.

„Ähm, nein. Also, ja eigentlich nicht“, stammelte sie, während der Griff des Mannes an ihrem Arm immer fester wurde und sie jeden Augenblick damit rechnete, unsanft rausgeschmissen zu werden.

„Ganz ruhig, Ralf“, erklang es plötzlich von hinten und Evas Herz machte einen Sprung. „Frau Rai arbeitet tatsächlich für mich, auch wenn es in diesem Moment nicht danach aussieht.“

Ralf ließ sie los und bat um Entschuldigung, bevor er sich wieder zurückzog. Deispara strahlte, als er sie begrüßte. Es war aber nicht nur sein Lächeln, sondern der gesamte Aufzug. Sein dunkelblauer Anzug saß wie angegossen an der schlanken Figur. Kein einzelner Fussel war darauf zu finden. Die Haare lagen perfekt und selbst der Dreitagebart ließ ihn nicht weniger professionell wirken. Auch er musterte Eva und verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln.

„Sie sind…“ Er suchte nach dem richtigen Wort. „Semioptimal gekleidet für diesen Anlass.“

„Danke für die Blumen, aber das weiß ich auch. Mona hat mir ja nicht viel Zeit gegeben, herzukommen. Ist das allzu schlimm?“

Er schüttelte den Kopf. „Wenn Sie den Pullover loswerden könnten, dann sind wir auf der sicheren Seite.“

Eva tat wie geheißen und war froh, dass sie zuvor nicht auf das schwarze Tanktop darunter verzichtet hatte. Zudem war nun die beste Gelegenheit, Ihren trainierten Körper zu zeigen, bevor dieser durch das fehlende Training zu einem weichen Blob wurde.

„Damit können wir arbeiten. So sehen Sie zumindest aus wie eine Praktikantin.“ Deispara nickte sichtlich zufrieden. „Unser Kunde heißt Xavier Álvarez. Er war spanischer Botschafter in Deutschland in den neunziger Jahren und möchte sich jetzt hier einen Zweitsitz kaufen. Da seine Familie sehr groß ist, braucht er sehr viel Platz. Sein Rahmen liegt bei 1,2 Millionen, aber wir werden ihm dieses Schmuckstück für zwei Millionen verkaufen. Überlassen Sie mir das Reden und geben nur das Nötigste von sich, wenn Sie angesprochen werden. Sie sind heute zum Beobachten und Lernen hier, nicht zum Verkaufen. Verstanden?“

Eva nickte und stopfte den Pullover in ihre Tasche, die sie schließlich in der Küche versteckte, um nichts mit sich herumzuschleppen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, zur Küche zu gelangen, und sie verlief sich mehrmals, obwohl Deispare ihr den Weg genauestens erklärt hatte. Auf dem Weg zurück hörte sie Schritte und Stimmen und eilte diesen hinterher. Die Herrschaften lachten lauthals, als sie die Halle betrat.

„Ah, da ist meine neueste Errungenschaft!“ Deispara klang plötzlich ganz anders, als er auf Eva zeigte. Sie blickte sich um, unsicher ob er tatsächlich sie meinte. „Eva Rai, der neue Star am Immobilienmaklerhimmel“, lobte er ihre imaginäre Position. „Komm her, Eva.“ Und seit wann waren sie auf der Du-Basis angelangt?

Eva postierte sie, wie zuvor vereinbart, neben Deispara und lächelte bescheiden in die Runde. Doch wieder blieb ihr das Lächeln im Gesicht eingefroren, während Deispara mit der Hand auf ihrer Schulter, ihr die Anwesenden vorstellte. Der ehemalige Botschafter. Sie schüttelte seine Hand. Seine sehr junge Ehefrau mit den noch zarteren Händen. Und der Bodyguard, der sie vor nur einer halben Stunde an eben jener Adresse abgesetzt hatte: Kai.

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Hier geht es zur nächsten Folge.

[Blogroman] Das Siegel #6.

SIEGEL6

Schwer nach Atem ringend richtete Eva sich auf und sah sich panisch um. Sie war in ihrem Schlafzimmer. In ihrem Bett. Kartons und Kleidungsstücke lagen verteilt auf dem Boden herum und versprühten eine vertraute Atmosphäre. Nichts schien anders als sonst. Sie legte die Finger an ihren Hals, der vor Trockenheit schmerzte, als sie versuchte zu schlucken. War es alles nur ein Traum gewesen? Der Einbruch. Der Mann auf ihrem Balkon. Und sein Arm an ihrer Kehle.

Ein beängstigend realer Traum.

Als sie eine Runde durch die Wohnung drehte, war alles dort, wo es hätte sein sollen. Ihre Tasche hing an einem Kleiderhaken im Flur, die Schuhe standen ordentlich darunter. Die aufgeschnittenen Kartons klafften in die Luft und schrien danach, endlich ausgeräumt zu werden. Auf dem Couchtisch stand ein halbleeres Weinglas und daneben lag das Buch, das sie zurzeit las. Der Fremde in meinem Bett.

Auch in der Küche war lediglich das dreckige Geschirr in der Spüle. Auf dem Boden, gleich neben dem Abfalleimer, stand eine leere Weißweinflasche. Eine weitere, halbleere fand sie schließlich im Kühlschrank. Das war es also gewesen. Sie hatte einfach zu viel getrunken und das ganze Ereignis nur geträumt. Das Handy auf dem Küchentisch, welches noch immer in einem Stück war, bestätigte diese Theorie genauso wie die schleichenden Kopfschmerzen, die sie langsam verspürte. Eva warf sich eine Schmerztablerre ein und griff schließlich nach dem Telefon.

„Scheiße!“

Die einzige Uhr in ihrem Haushalt war ihre Handyuhr, was das Gerät gleichzeitig zu ihrem Wecker machte. Doch wenn der Wecker in der Küche lag, konnte sie ihn natürlich im Schlafzimmer nicht hören. Es war aber nicht die Uhrzeit, die sie so erschreckte, sondern die Tatsache, dass Sophie bereits sechsmal angerufen hatte, weil Eva seit nunmehr eineinhalb Stunden Verspätung hatte. Sie drückte auf den grünen Hörer neben Sophies Namen und lauschte dem ständig wiederkehrenden Piepton des Telefons.

„Ich hoffe, du wurdest diesmal von einem LKW angefahren und liegst mit zwei gebrochenen Beinen im Krankenhaus, denn eine andere Ausrede lasse ich nicht gelten“, meldete sich Sophie am anderen Ende.

„Sorry, ich habe verschlafen“, krächzte Eva und merkte beim ersten Sprechen am heutigen Tag, dass ihre Kehle etwas rauher war als sonst. Immer dieser Alkohol.

„Verschlafen?“ Sophies Stimme klang schrill. „Mädchen, es ist Mittag! Du bist doch keine 16 mehr! Oder hast du dich irgendwo herumgetrieben, wo nur 16-Jährige hingehen? Sag mir bitte nicht, du warst schon wieder in diesem Club.“

„Ich darf doch wohl am Wochenende ausschlafen“, verteidigte sich Eva. „Und was heißt schon wieder? Ich war einmal dort und zwar mit dir. Wenn ich mich recht entsinne, hast du dich mit deinen Schülern besinnungslos besoffen.“

„Das war etwas anderes.“ Sophie klang plötzlich kleinlaut. „Ich musste mich von meiner besten Seite zeigen und seitdem lieben sie mich.“

„Natürlich lieben sie dich, du hast Minderjährigen Alkohol verschafft! Du solltest froh sein, dass keiner von deinen Kollegen davon weiß!“

„Jetzt mal langsam, Eve. Ich bin hier wütend auf dich, weil du mich hast sitzen lassen“, lenkte Sophie ein, ihr Vorwurfston schien aber allmählich abzuflauen.

Eva seufzte und ging auf die Suche nach Medikamenten. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass sie aufhörte, aus Kartons zu leben und endlich die Wohnung so einrichtete, dass sie bewohnt aussah. In einem Schuhkarton wurde sie endlich fündig und jubelte in sich hinein.

„Ja, ich weiß. Gib mir eine halbe Stunde und ich bin bei dir“, schlug sie vor. „Das Essen geht dann auf mich.“

„Selbstverständlich geht es auf dich. Was wäre ich für eine Freundin, wenn ich ein Entschuldigungsessen ablehnen würde?“, lachte Sophie. „Ich gebe dir sogar eine volle Stunde, mich zu Hause abzuholen, weil ich eine so gute Freundin bin.“

Eva duschte schnell und schlüpfte in ihre Jeans und einen Kapuzenpullover. Auch wenn sie bei der Arbeit stets Kleidung trug, deren Preis sich überwiegend am eingestickten Label orientierte, so mochte sie die bequeme Klamotten, die keinen High Heels bedurften, sehr viel lieber. Leider hatten ihre Erfahrungen sie gelehrt, dass in diesem Zeitalter, wie in jedem anderen zuvor wahrscheinlich auch, Kleider Leute machten und sie sich anpassen musste, wenn sie überleben wollte. Die bequeme Kleidung trug sie wiederum überwiegend an Wochenenden. Zwar war das selten, doch hatte es den Vorteil, dass kaum jemand aus ihrem Arbeitsumfeld sie wiedererkannte und sie ihre Freizeit genießen konnte. Ihr Hoodie schien wie ein Unsichtbarkeitsmantel, der es ihr erlaubte, überall unbemerkt hinzugehen.

Bevor sie es wusste, stand sie schon voller Stolz vor Sophies Wohnungstür. Zwanzig Minuten früher als vereinbart. Das war neuer Rekord. Noch bevor sie klingelte, machte sie von sich selbst ein Foto und sendete es an Sophie. Nach einer kurzen Weile öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Sophies zerzauster Kopf zeigte sich.

„Was machst du denn schon hier?“ Sie versuchte vergeblich ihre Haare mit den Händen zu glätten und gleichzeitig die um den scheinbar nackten Torso gewickelte Bettdecke zu halten.

„Ich dachte, ich überrasche dich mal mit meiner unglaublichen Pünktlichkeit“, erwiderte Eva und hob eine Augenbraue. „Die Überraschung ist mir wohl gelungen. Du hättest nur sagen müssen, dass du Gesellschaft hast, dann wäre ich ferngeblieben.“ Sie grinste nun übers ganze Gesicht.

„Deine Überpünktlichkeit war unerwartet, um es gelinde auszudrücken.“ Sophie trat vor die Tür und bemühte sich, dass Eva keinen Blick in ihre Wohnung werfen konnte.

„Warum die Heimlichtuerei?“

„Was? Ähm, nein, keine Heimlichtuerei. Wir wollen das Ganze lieber unter dem Radar behalten. Es ist eine reine Spielerei, nichts Ernstes.“

„Oh? Also wirst du nicht wie sonst meinen Newsfeed bei Facebook mit Bildern von euren ersten zwei Wochen vollspamen, um danach nur depressive Nachrichten zu posten, wenn es doch nicht funktioniert?“ Eva musste sich ihr Lachen verkneifen, als Sophie ihr einen Todesblick zuwarf. Doch sie konnte sie mit ihren Blicken durchlöchern, wie sie wollte. Es entsprach der Wahrheit, dass Sophie sich viel zu schnell in ihre körperlichen Liebschaften Hals über Kopf verliebte und diese schließlich genau damit davon jagte. Sie erdrückte sie buchstäblich mit ihrer Liebe. Das war ihre beste und schlechteste Seite: ihr liebendes Wesen, das zum rächenden Monster werden konnte.

„Wir wollen es nicht an die große Glocke hängen, weil er nicht lange in der Stadt ist“, erklärte Sophie. „Ein Monat höchstens und er ist wieder weg. Bis dahin wollen wir einfach nur die gegenseitige Präsenz genießen.“

Eva grinste noch breiter.

„Präsenz, ja?“

„Sophie, was dauert so lange? Ist deine Freundin…“ Die Tür hinter Sophie wurde geöffnet und der Mann beendete seinen Satz, als er Augenkontakt mit Eva aufnahm. „…schon da?“

Eva starrte in seine braunen Augen und konnte es nicht verhindern, dass ihr Mund offenstand wie ein Nussknacker, der die härteste Nuss der Welt zu knacken hatte. Diese Stimme. Diese Augen. Dieses Profil, als er zu Sophie blickte. Evas Puls versuchte aus ihrem Hals zu flüchten und pochte schließlich dröhnend zwischen ihren Schläfen wieter. Warum um alles in der Welt stand der Mann, der in ihrem Traum in ihre Wohnung eingebrochen war und sie bedroht hatte, nun vor ihr? Als der Liebhaber ihrer besten Freundin. Die Haare waren länger als sie es in Erinnerung hatte, aber in der Dunkelheit war generell nicht viel von ihm zu sehen gewesen. Doch diese durchdringengen Augen, die in ihr Innerstes blicken konnten — diese würde Eva nie vergessen.

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Hier geht es zur nächsten Folge.

[Blogroman] Das Siegel #5.

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Es war nicht so, dass Eva Maik von nun an hasste, auch wenn Hass nur dort entstehen konnte, wo zuvor noch Liebe gewesen ist. Sie wollte nur nichts mehr mit ihm zu tun haben und weder sein Gesicht sehen noch seinen Namen hören. Wenn sie recht darüber nachdachte, war es fast das gleiche, als hätte sie ihn tatsächlich gehasst. Fast.

Auf ihrem Weg nach Hause hielt sie an einem Kiosk und holte sich zwei Flaschen Wein. Um den Schock von seinem Anruf zu verarbeiten und die Tatsache zu feiern, dass sie sich nun endgültig entschieden hatte, sich absolut von ihm abzukapseln. Sonst war die Trennung doch vollkommen sinnfrei. Ob sie beide Flaschen alleine leeren würde? Ganz bestimmt. Ob das aber noch heute passierte, war sie sich nun auch nicht mehr sicher, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauflief. Diese lag im dritten Stock, zwischen zwei weiteren Wohnungen auf derselben Etage. Das Mehrfamilienhaus war schon alt, aber das machte gerade dessen Charme aus, auch wenn der bräunlich rote Linoleumboden im Treppenhaus nicht gerade nach Chic schrie. Die Wohnung selbst war ein kleines Zwei-Zimmer-Appartement, das Eva nach nur einer Woche, nachdem sie in der Immobilienverwaltung angefangen hatte, beziehen durfte. Die Suche nach einer günstigeren Alternative zur alten Wohnung war — wie es in Hamburg der Normalfall schien — eine Tortur, besonders wenn man Single und arbeitslos war. Doch jetzt war es so, dass sobald sie nur ihren Arbeitgeber erwähnte, ihr buchstäblich alle Wohnungstüren offenstanden. Sie hatte nicht einmal erahnen können, wie einflussreich Deispara sein musste. Wenn es auch nur ein bisschen auf Eva abfärbte, so war es ihr nur recht.

Doch jetzt gerade schien ihr das Herz in die Strumpfhose gefallen zu sein, als sie auf die offene Wohnungstür starrte. Ihre offene Wohnungstür.

Habe ich vergessen, sie heute Morgen zu schließen?, schoss es ihr durch den Kopf. Ihr Gehirn wollte erst alle möglichen Fälle durchgehen, die nicht mit einer kriminellen Tat zusammenhingen. Oder gab es einen Rohrbruch, sodass der Hausmeister die Tür öffnen musste? Gab es ein Feuer? Allerdings sah sie weder Wasser noch Ruß oder Löschschaum, als sie langsam über die Schwelle trat und das Licht im Flur anschaltete.

Klirrend stellte sie die Tasche mit den Weinflaschen auf den Boden und zog die Schuhe aus. Auch wenn das Licht so ziemlich jeden Einbrecher gewarnt haben musste, schlich sie auf leisen Sohlen um die Ecke ins Wohnzimmer. Als sie auch dort das Licht anschaltete, erblickte sie lediglich ihr kleines Sofa, einen Tisch und einige Kartons, die noch darauf warteten, ausgepackt zu werden. Während sie jeden Winkel scannte, ging sie im Kopf jeden wertvollen Gegenstand in ihrer Wohnung durch, um festzustellen, dass sie eigentlich gar nichts besaß, das sich gelohnt hätte, gestohlen zu werden. Und sie hatte noch nie von einem Fall gehört, bei dem teure Kleidung mitgenommen wurde.

In der Küche und dem Badezimmer schaltete sie auch das Licht an, ohne einen Einbrecher oder Wasserschaden zu finden. Wahrscheinlich war sie mal wieder von Anfang an zu paranoid gewesen und hatte bloß am Morgen vergessen, die Tür zu schließen. Das wäre wahrscheinlicher und unglaublich typisch für sie. Sie musste über sich selbst schmunzeln. Auch das Schlafzimmer war nur mit ihrem Bett, einem Schrank und noch mehr Kartons ausgestattet. Um ganz sicher zu gehen, warf sie jeweils einen Blick unters Bett sowie in den Schrank, um wieder nichts außer Chaos zu finden.

Eva warf sich seufzend auf das Bett. Es fehlte ihr noch, dass sie Geister sah. Da stand sie gerade einmal wenige Wochen auf eigenen Füßen und sehnte sich schon wieder nach der Unterstützung einer besseren Hälfte.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst.

Die Eingangstür wurde mit dem Schlüssel verschlossen und der Weißwein landete im Kühlschrank. Dann nur noch das Handy auf lautlos, damit sie keiner mehr erreichen konnte. Weder Freund noch Feind. Sie zog sich ihre Jogginghose aus den Zeiten der Konfektionsgröße 40 an, die nun wie ein Sack an ihr hing, doch noch immer das bequemste Kleidungsstück war, das sie besaß, und ein pinkes T-Shirt, mit dem Aufdruck eines Donuts und der Unterschrift Delicious. Danach begann sie die Kartons zu durchwühlen.

Es war immer das Gleiche. Sobald man eine neue Wohnung bezog, war es ein Kampf, an die simpelsten Dinge im Leben zu gelangen, weil man einfach nicht wusste, was sich in welchem Karton befand. Die grobe Beschriftung konnte daran auch nichts ändern.

Als Eva mit Maik zusammengezogen war, hatte er — penibel wie er war — darauf bestanden, Listen zu führen und an jeden Karton den exakten Inhalt zu schreiben. Sei es aus Trotz oder auch aus reiner Faulheit, hatte Eva das diesmal nicht so gemacht und liebte es, mit einem Messer das Paketband zu durchschneiden und lauthals zu fluchen, wenn sie an den nächsten Karton musste. So waren ihr ihre einsamen Abende am liebsten: die unmöglichsten Begriffe durch die Wohnung schreien, die sie im Laufe des Tages nicht einmal flüstern durfte.

„Habe ich euch!“, rief sie schließlich aus und hob ruhmesreich eine halbvolle Schachtel Zigaretten in die Höhe, als wären diese der Heilige Gral. Eigentlich hatte sie schon seit Jahren aufgehört, doch in letzter Zeit schien es unabwendbar, sich hin und wieder einen Glimmstängel zu gönnen, um den Stress zu bewältigen. Wenn sie schon keinen Mann mehr an ihrer Seite hatte, saß wenigstens Herr Nikotin im Beifahrersitz, während Eva die geteerte Straße entlang cruiste. Glücklicherweise lag das Feuerzeug noch in der Schachtel und sie krallte sich ein Glas Wein auf dem Weg zum Balkon. Ein Laster ließ sich kaum alleine genießen.

Sie trat hinaus und atmete zuerst die kühle Luft ein, bevor sie eine Zigarette herausholte und sie zwischen die Lippen schob. Es war schon dunkel auf den Straßen und die Laternen schenkten kaum Licht. Aber auch wenn sie mit Halogenleuchten ausgestattet gewesen wären, hätte es kein Licht auf Evas Balkon gegeben, weil ein Baum genau davor stand und alles Licht der Welt von ihr abschottete. Dafür war sie nun aber dankbar. Sie wollte weder sich selbst noch irgendjemanden sonst sehen. Das billige Feuerzeug brauchte eine Weile, ehe sich eine Flamme daraus zeigte.

„Das ist eine sehr ungesunde Angewohnheit“, erklang es plötzlich neben ihr und sie sprang vor Schreck zur Seite, um in die Dunkelheit neben sich zu starren. Das Feuerzeug fiel herunter und die Zigarette blieb nur locker zwischen ihren Lippen hängen, als sich dieser Jemand ebenfalls eine anzündete. Sein Feuerzeug schien im Gegensatz zu ihrem aber wunderbar zu funktionieren. Als die kleine Flamme aufleuchtete, bekam Eva einen kurzen Blick auf das Gesicht des Fremden, ehe es wieder im Dunkel verschwand. Er konnte nicht viel älter sein als sie und seine Augen sahen sie an, als konnten sie in ihr Inneres blicken. Allerdings konnte sie absolut nichts über ihn sagen. Sie kannte weder sein Gesicht noch seine Stimme.

Vor Schock wie paralysiert hielt sie sich mit einem Todesgriff am Geländer des Balkons fest und starrte in die Dunkelheit, wo sie noch immer die Umrisse des Mannes erahnen konnte.

„Wer“, flüsterte sie schließlich und die Zigarette fiel nun auch auf den Boden.

„Es war sehr nachlässig von dir, nicht auf dem Balkon nachzusehen“, sagte er mit einem belustigten Unterton. „Dabei habe ich extra die Tür offengelassen. Das sieht dir nicht ähnlich.“

„Wer sind Sie und was machen Sie in meiner Wohnung?“, fand Eva ihre Stimme wieder und spürte, wie sich die Angst und Verwirrung in Ärger und Wut wandelten. Damit konnte sie sehr viel mehr anfangen.

Der Mann zog wieder genüsslich an der Zigarette und atmete den Rauch geräuschvoll aus.

„Du hast dich bisher gut gemacht, doch in letzter Zeit lässt du dich gehen.“

„Wie bitte?“ Ihre Stimme wurde nun lauter. Hatte er sie soeben als fett bezeichnet? „Verschwinden Sie sofort, sonst rufe ich die Polizei!“ Ihr Handy lag zwar noch immer auf dem Küchentisch, aber das musste sie dem Fremden ja nicht an die Nase binden.

Der Mann lachte leise und drückte die Zigarette aus.

„Eva, so nennst du dich diesmal, nicht wahr?“ Der Stummel landete in einem Blumentopf auf dem Boden. „Ich will dir nichts tun, das weißt du. Ich möchte dich einfach nur nach Hause bringen.“ Er trat einen Schritt nach vorn, sodass er vom Licht aus der Wohnung angestrahlt wurde und nun sein Profil zu erkennen war. Jetzt konnte Eva ihn definitiv für ein Fahndungsfoto oder ähnliches beschreiben. Sie tat es ihm gleich und trat einen Schritt nach hinten, näher zur Tür.

„Ich möchte, dass Sie sofort meine Wohnung verlassen!“ Sie wurde nun lauter, im Wissen, dass ihre Nachbarn wahrscheinlich Fenster oder Balkontüren offen hatten und sie eventuell hören könnten, wenn sie nur laut genug war.

„Nicht nach dem langen Weg, den ich auf mich genommen habe“, antwortete der Fremde ruhig und schritt wieder vor, was Eva zum Nachahmen einlud — in die andere Richtung.

Als ihr langsam der Platz zum Ausweichen ausging, sprang sie durch die geöffnete Tür ins Wohnzimmer und schlug diese hinter sich zu. Den Türgriff nach unten gedrückt, sodass der Mann ihr nicht folgen konnte, rannte sie in die Küche, um ihr Handy zu holen. Solange er die Fensterscheiben nicht zerstörte, konnte er nirgendwohin fliehen, außer in die Tiefe zu springen. Und so dumm hatte er nicht ausgesehen. Eva griff ihr Handy und wählte 110, als sie zur Wohnungstür lief. Sie würde keine weitere Sekunde mit dem Einbrecher in der Wohnung bleiben. Nicht freiwillig.

„Das nehme ich vorerst“, hörte sie hinter sich und ehe sie zur Quelle blicken konnte, bekam sie kaum Luft, weil ein Unterarm an ihren Kehlkopf gedrückt wurde. Der Fremde riss ihr das Telefon aus der Hand und schleuderte es gegen die Wand. In den umherfliegenden Teilen sah Eva den zersplitterten Betrag, den sie für ihr neues Handy bezahlt hatte. Aber es konnte genauso gut der Sauerstoffmangel gewesen sein, der sie halluzinieren ließ.

„Was wollen Sie?“, krächzte sie und zog mit aller Kraft den Arm von ihrem Hals. Sinnlos.

„Das habe ich doch schon gesagt. Ich bringe dich nach Hause“, sagte er in ruhigem Ton in ihr Ohr. Er schien keine Mühe zu haben, sie festzuhalten. So viel zu den unzähligen Stunden im Fitnessstudio. Aber auch diese Mitgliedschaft hatte sie aus finanziellen Gründen vorerst kündigen müssen.

„Ich bin zu Hause!“ Je mehr sie sich wehrte, umso stärker drückte er ihr den Arm auf die Luftröhre. Wenn Eva so weitermachte, würde sie ohnmächtig werden. Und das durfte nicht passieren.

„Das habe ich dir vor 40 Jahren gesagt und ich sage es dir jetzt noch einmal“, flüsterte er und sie bekam Gänsehaut. Es war ein Déjà-vu der besonderen Art. So, wie er die Worte aussprach, schien er ihr seltsam vertraut. Und beängstigend. „Das hier ist nicht dein Zuhause. Du wirst unter den Menschen niemals dein Glück finden. Dafür werde ich sorgen.“

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[Light Art] Red.

Red_klein

They told her not to go into the woods all alone. 
But she never was alone.

Red by LostInPhotography

EXIF: ISO 100, f/7.1, 443 sec, 20 mm

Yours nogusvelo

[Blogroman] Das Siegel #4.

book_blurry_wmNach der Arbeitslosigkeit ist vor der Arbeitslosigkeit, dachte Eva, als sie sich erschöpft auf den Sitz in der S-Bahn fallen ließ. Es waren gerade einmal eineinhalb Wochen vergangen, die sie an ihrem neuen Arbeitsplatz verbracht hatte, aber schon jetzt hatte sie keine Lust mehr darauf. Nicht nur, dass sie Deispara all diese Zeit nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte, wurde sie zusätzlich wie eine Praktikantin behandelt — selbst von der eigentlichen Praktikantin. Das einzige, was sie bisher machen durfte, war, Kaffee zu kochen, Botengänge zu erledigen und Kopieren sowie Ablage von Papieren. Der Job war zwar von Anfang an nur für die Zwischenzeit gedacht, damit wenigstens etwas Geld in die leere Singlehaushaltskasse käme, dennoch fühlte es sich jeden Tag aufs Neue falsch an, wenn ihr eine Neunzehnjährige in einem befehlerischen Ton mitteilte, sie müsse schon wieder zum Gebäude A oder Kunden B fahren, um Papiere C abzuholen oder abzugeben.

Eva lehnte den Kopf an die schmierige Fensterscheibe und schloss die Augen. Wozu hatte sie überhaupt studiert und so viele Sprachen gelernt, wenn sie sich nun von einem Kind herumschubsen lassen musste, dessen Sprachwortschatz sich auf Alta, Digga und Mussudochwissn beschränkte. Die wurde doch sicherlich nur wegen ihrer Riesenmöpse eingestellt, dachte sie mürrisch. Generell schienen dort überwiegend Frauen zu arbeiten. Junge Frauen. Solche, die genauso gut in einem Victoria‘s Secret Prospekt hätten abgebildet sein können. Und dazwischen war Eva. Und Mona, die Sekretärin. Sie war die einzige, die nicht kiloweise Make up im Gesicht und auch keine hautengen Gucci-Anzüge trug. Durchaus sah sie sehr ansehnlich aus, aber eben nicht billig-willig oder unter 30. Mona war die einzige Frau im Büro, die weitaus älter war als Eva und mit der sie sich auf Anhieb gut verstand. Oder wenigstens Worte wechselte, die aus mehr als drei Silben bestanden.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Tasche und sie holte es heraus. Das war auch so eine Sache mit Deispara; er hatte ihr, ohne auf ihre Widerworte zu reagieren, ein neues Telefon zur Verfügung gestellt, damit Eva jederzeit erreichbar wäre – auch für ihn. Wenigstens konnte sie ihre alte Nummer weiterhin verwenden, da die SIM-Karte keinen Schaden genommen hatte, sodass sein Wunsch sofort erfüllt wurde. Jetzt wünschte sie sich, dass sie eine andere Nummer hätte, die sonst niemand kannte. Mit nur einem Auge blickte sie auf die Anrufinfo und war mit einem Mal wieder hellwach. Diesen Namen hatte sie seit Wochen nicht gehört oder gelesen. Nur in ihren Gedanken sprach sie ihn manchmal aus, um sich kurz darauf wieder selbst zu ermahnen, es nie wieder zu tun. Sie wischte mit dem Daumen über die glatte Oberfläche des Smartphones und hielt es sich ans Ohr.

„Maik?“ In ihrer Stimme spiegelte sich keine der Emotionen wieder, die gerade mit 180 Sachen durch ihren Körper fuhren, außer vielleicht Überraschung.

„Hey“, erklang es am anderen Ende. Er zog das Wort unnötig in die Länge und gab schon mit der Begrüßung zu verstehen, dass er getrunken hatte. Zu viel, wie es schien. „Wie geht es meinem Mädchen?“

„Ähm, gut. Danke der Nachfra…“

„Weißt du noch, wie wir das lange Wochenende in Berlin verbracht haben?“, unterbrach er sie und begann damit, die Ereignisse vor zwei Jahren zu erzählen, obwohl Eva sie noch sehr gut in Erinnerung hatte.

Es war ein Oktoberwochenende und sie waren mit vier weiteren Freunden hingefahren. Der Sinn des Ausflugs war es, nur zu feiern und von Club zu Club zu ziehen. Ohne Schlaf. Ohne Sorgen.

„Maik, rufst du mich an, um mir von Berlin zu erzählen?“, unterbrach Eva nun seinen Redeschwall.

Die Bahn hielt am Hauptbahnhof und immer mehr Menschen zwängten sich hinein, sodass die Umgebung umso lauter wurde und immer mehr Ohren mithörten. Automatisch drückte Eva das Handy fester ans Ohr und sprach gleichzeitig leiser. Am anderen Ende wurde es plötzlich still. Nur sein Atmen drang noch leise zitternd zu ihr durch.

„Ich bin kaputt, Eva“, flüsterte er schließlich. Maik war noch nie in der Lage gewesen, das auszudrücken, was in ihm vorging, doch der Alkohol lockerte ihn meist auf, wenn er genügend trank. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“

Lag nicht der Sinn einer Trennung darin, dass man nicht länger das Problem des anderen war? Wenn man selbst so viel Last auf den eigenen Schultern mit sich herum trug, warum sollte man sich dann noch einer Person annehmen, die einen sowieso in den Wind geschossen hat? Diese und weitere Gedanken schossen Eva durch den Kopf, während sie überlegte, wie sie reagieren sollte. Niemand hatte gesagt, dass es einfach werden würde, allerdings hatte Maik auch andere Freunde, die er mit solchen Dingen belasten konnte. Warum rief er ausgerechnet Eva an?

„Du hast immer zu mir gesagt, dass das Leben kein Ponyhof ist“, begann sie, als sie sich endlich aus der Bahn geschlängelt und etlich Ellenbogenschläge verteilt hatte. „Weil ich eine Phobie vor Pferden habe, fand ich den Spruch schon immer beschissen, aber er hat mir wenigstens etwas Realität in die Adern gepumpt. Nichts ist im Leben so, wie man es sich wünscht oder vorstellt, und man kann nicht den ganzen Tag nur das tun, was man will. Früher oder später holen einen das Leben und die Verpflichtungen ein und man muss damit klarkommen oder sich darunter begraben lassen.“

Wieder war Stille im Hörer, als Eva sie Haltestelle verließ und auf die Straße trat. Ihre eigenen Worte hallten noch immer in ihrem Kopf wieder. Sie hatte ihn mäßigen wollen, dabei hatte sie soeben sich selbst kritisiert. Zwar hatte sie einen Abschluss von der Uni und besaß mehrere andere Qualifikationen, doch hatte ihr niemand versprochen, dass sie damit ein Heidengeld machen könnte oder den Job bekäme, den sie sich erträumt hatte. Klasse, jetzt konnte sie sich nicht einmal mehr beschweren, weil sie sich selbst nicht widersprechen konnte.

Die kühle Abendluft tat ihrer erhitzten Haut unglaublich gut. Sie atmete tief ein und hielt für einen Augenblick inne, um zu hören, ob Maik noch immer dran war. Während sie langsam den Heimweg antrat, sprach er wieder, so leise, dass ihre High Heels ihn fast übertönten.

„Ja, du hast recht. Ich habe Scheiße gebaut und nun muss ich es selbst auslöffeln.“

Eva verzog bei der Metapher das Gesicht.

„Und ich kann dir leider dabei nicht helfen“, schloss sie. „Ich wünsche dir dennoch alles Gute.“

„Eva?“ Er klang plötzlich sicherer.

„Ja?“

„Du sollst wissen, dass ich dich immer noch li…“

Sie legte auf, im Wissen, dass sie nie wieder mit ihm sprechen würde. Das Pony namens Maik würde von nun an auf einer anderen Wiese grasen.

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Vegan Taste Week.

Am 01.11. ist der Weltvegantag und passend dazu startet ein neues Projekt, das alle dazu einladen und/oder motivieren soll, eine Woche lang vegan zu leben. Gedacht ist das Ganze für jeden, der vegan nur mal ausprobieren oder vielleicht seine Kenntnisse vertiefen möchte. Aber natürlich wird man nicht einfach so ins kalte Wasser geworfen, sondern bekommt Unterstützung in Form einer Internetseite, die Tipps, Informationen, Rezepte und vieles mehr zur Verfügung stellt.

Ihr könnt euch jetzt schon dafür auf http://vegan-taste-week.de/ anmelden und erhaltet ab dem 01.11. einen Newsletter, könnt euch Videos zum Thema ansehen und schauen, wie es sich eine Woche lang in den (Achtung Flachwitz!) veganen Gesundheitsschuhen läuft. ;)

Ich habe mich auch mal angemeldet, weil ich das Projekt eine tolle Idee finde und euch hier gerne auf dem Laufenden halten möchte. Selbstverständlich motiviere ich euch auch, einfach mal reinzuschauen, denn es lohnt sich, über den (buchstäblichen) Tellerrand zu schauen.

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Bis dahin: Go vegan (for at least one week)!

Eure nogusvelo

[Blogroman] Das Siegel #3.

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Angenommen, das Leben reicht dir den kleinen Finger und du greifst nach der ganzen Hand. Wie lange wird das gut gehen? Wie lange wird es dauern, bis es keine Lust mehr hat, dich an der Hand zu führen, und dich schließlich dir selbst überlässt? Und wie ist der beste Weg damit umzugehen?

Eva saß in dem hellen geräumigen Warteraum und kaute nervös auf ihrem Kaugummi. Zwar sah das weder attraktiv noch appetitlich aus, doch lohnte sich kein Anliegen der Welt, rückfällig zu werden und wieder Fingernägel zu kauen. Es hatte sie Jahre gekostet, von dieser Angewohnheit wegzukommen. Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, in dem Wissen, dass sie ihren eventuell neuen Chef in einer sehr sensiblen Situation kennengelernt und auch noch beleidigt hatte. Konnte es einen noch schlechteren Start geben?

In dem Raum hingen Bilder an den Wänden, die zum Versinken einluden. Bunte Lichtspuren brachten Leben in alte Gebäude und erzählten eine Geschichte, die noch nie jemand gehört hatte. Eva betrachtete die Bilder, in der Hoffnung, etwas Ruhe darin zu finden, doch zwecklos. Die Uhr an der gegenüberliegenden Wand tickte unglaublich langsam und unglaublich laut. Jede Sekunde schien eine Ewigkeit zu dauern und stellte Evas Nerven auf die Probe. Hatte sie auch das richtige Outfit an? Lagen ihre Haare gut? Hatte sie den Lebenslauf samt Bewerbung eingesteckt? Sie fühlte in ihre Tasche, ohne hineinzusehen, und spürte die Mappe an ihrer eiskalten Hand.

Das war ihr erstes Vorstellungsgespräch seit Jahren und sie wusste nicht, wie sie sich benehmen sollte. Würde sie über den gestrigen Vorfall lachen und anschließend um Entschuldigung bitten? Sollte sie das überhaupt ansprechen? Ihr Herz blieb für einen kurzen Moment stehen, als ihr ein weiterer Gedanke in den Sinn kam. Was wäre, wenn er es gestern gar nicht gewesen ist? Vielleicht hatte dieser Mann nur ihr Gespräch in der Bar belauscht und machte sich einen Scherz daraus, den Immobilienhai zu spielen. Wahrscheinlich hatte sie hier gar keinen Termin und würde gleich in das Büro gehen, um dort einen vollkommen anderen Mann vorzufinden und bis auf die Knochen zu blamieren. Die Sekretärin hatte sie zwar freundlich hingewiesen zu warten, doch sie hatte mit keinem Wort bestätigt, dass es einen vereinbarten Termin gab.

Eva schluckte laut und es schmerzte, weil ihre Kehle vor Nervosität trocken war. Warum hatte sie nicht gestern daran gedacht, sich zu erkundigen, wie Cristian A. Deispara überhaupt aussah? Wahrscheinlich hätte sich ihr genauso gut ein Penner als jener Immobilienverwalter ausgeben können und sie hätte es in dem Moment geglaubt. Schon früher war sie viel zu gutgläubig gewesen und fiel mit dieser Einstellung viel zu oft auf die Nase. In den letzten Jahren hatte sie aber gelernt, damit umzugehen und nicht immer das Beste in den Menschen zu sehen. Doch gestern hatte die Pechsträhne sie aus der Bahn geworfen und sie war wieder rückfällig geworden. Natürlich konnte es auch daran liegen, dass der Mann, der ihr so freundlich Karte und Taschentuch gereicht hatte, auf Evas Attraktivitätsskala eine glatte Neun war, sodass sie alle Zweifel über Bord warf und sich letztlich mehr Gedanken um ihr Äußeres machte, als darum, dass sie absolut nichts über Immobilienverwaltung oder -verkauf wusste.

Sie sah sich im Raum um und entdeckte eine ältere Frau, die ein Magazin nach dem anderen durchblätterte. Sie schien gelangweilt und wirkte nicht, als würde sie hier nach einem Job suchen. So sahen hier also die Kunden aus — wohlhabend, gelangweilt vom Leben und genervt, wenn sie warten mussten. Doch das war Eva egal. Sie wollte nur sichergehen, dass sie ungesehen verschwinden konnte. Diese Blamage wollte sie sich nicht antun. Sie würde sich schon einen anderen Job angeln können. Irgendwelchen. Irgendwann.

„Frau Rai“, erklang es von der Tür her und Eva sprang auf, als wäre sie gestochen worden.

„Ja! Was? Ich meine, das bin ich. Ich bin Eva Rai“, stammelte sie und merkte, wie ihr Kopf immer heißer wurde. Verdammt, hätte sie sich nicht etwas beeilen und einfach abhauen können?

Die Sekretärin lächelte.

„Herr Deispara hat nun Zeit für Sie.“

Eva schluckte den Kaugummi runter und dackelte der Frau hinterher. Egal, was nun auf sie zukam und wer dieser Deispara sein mochte, sie würde improvisieren müssen. Die schlimmsten Szenarien und Möglichkeiten spielten sich in ihrem Kopf ab, als sie das Büro betrat und die Tür hinter ihr geschlossen wurde. Das Geräusch weckte sie aus ihrer Trance und sie blieb starr vor einer männlichen Brust in Hemd, Jackett und Krawatte stehen.

„Ich bin froh, dass Sie es einrichten konnten“, erklang die bekannte Stimme und ließ Eva schließlich in sein Gesicht hochblicken. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie Erleichterung, bis diese von einem neuen Schwall Panik überrollt wurde. Es war tatsächlich der Mann vom vorherigen Abend, doch nun war das eingetreten, womit sie nicht umzugehen wusste. Sie hatte seine Karte geküsst und ihn kurz daraufhin beleidigt. Er hatte sie an ihrem psychischen Tiefpunkt angetroffen und danach gelacht. Was zur Hölle machte sie überhaupt hier?

Er hob die Augenbrauen, als würde er auf etwas warten und langsam ungeduldig werden. Eva runzelte die Stirn und begriff nur langsam, dass er sie soeben begrüßt hatte.

„Die Hand!“, rief sie plötzlich ihren Gedanken aus und griff seine ausgestreckte Hand. „Entschuldigung! Vielen Dank! Ich bin so aufgeregt“, stammelte sie und schüttelte unentwegt seine Hand, die ihren Druck nicht länger erwiderte. Er hatte losgelassen; sie nicht.

„Kein Grund zur Nervosität.“ Er griff ihre Hand nun mit seinen beiden und stoppte die Bewegung. „Setzen Sie sich doch erst einmal.“ Er führte sie zu einem Sessel und drückte sie darauf runter, ehe er sich schräg gegenüber von ihr setzte. Erst in dem Moment merkte Eva, dass kein Schreibtisch zwischen ihnen stand, wie sie es zunächst erwartet hatte. Sie saßen in einer kleinen gemütlichen Sitzecke des Büros, die aus drei roten Sesseln und einem gleichfarbigen Zweisitzer bestand.

„Möchten Sie etwas trinken?“, riss er sie aus ihren Gedanken.

„Wie bitte?“, krächzte sie und brachte ihn wieder zum Lachen. Ohne ein weiteres Wort schenkte er Wasser ein und schob das Glas über einen kleinen Tisch in ihre Richtung.

„Sind Sie gestern gut nach Hause gekommen?“, fragte er, während Eva das Glas in einem Zug leerte.

„Das bin ich.“ Sie räusperte sich. „Und ich möchte Sie um Entschuldigung bitten“, begann sie sofort, doch er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Es war erstaunlich, wie viel Respekt er ihr durch seine alleinige Anwesenheit einflößen konnte. Respekt und… Sie konnte nicht zuordnen, was es noch war, aber es trieb ihr erneut Hitze ins Gesicht, als sich ihre Blicke in der scheinbar ewigen Stille trafen.

„Das ist in Ordnung, Frau Rai. Sie hatten einen schlechten Tag. Was glauben sie, warum ich an einem Montagabend in einer Bar war?“ Er lachte.

„Kundentermin?“, fragte Eva skeptisch und vertrieb das Gelächter aus seinen Augen.

„Sie lassen sich aber auch nicht aufmuntern, was?“ Er richtete sein Jackett und lehnte sich im Sessel zurück. „Na gut. Dann lassen Sie uns mal zum eigentlichen Anliegen zurückkommen. Sie möchten sich schließlich bei uns bewerben, wenn ich das richtig verstanden habe?“

„Genau“, antwortete Eva fast zu schnell. Sie holte ihre Mappe heraus und reichte sie Deispara. „Das wäre zwar meine erste Stelle in einem Immobilienverwaltungsbüro, aber ich bin lernfähig und werde mein Bestes tun, mich schnell auf die neue Arbeitssituation einzustellen. Auch kann ich sehr gut mit Kunden umgehen, da ich bei meinem letzten Arbeitgeber im Ein- sowie im Verkauf gearbeitet habe. Stressige Situationen sind für mich kein Thema, genauso steht es um Überstunden“, ratterte sie ihren Text durcheinander ab. Wieder wurde sie von Deisparas Hand zum Schweigen gebracht.

„Das hier ist scheinbar Ihre erste Stelle nach Ihrer ersten Stelle“, murmelte er, während er ihre Papiere studierte.

„Wie bitte?“ Plötzlich fühlte Eva sich unsicher, weil sie ihren Text nicht beenden konnte. Dabei hatte sie noch gar nicht erwähnt, wie viele Sprachen sie fließend sprechen konnte. Und das Latinum erst!

Den Fuß über ein Knie gelegt, betrachtete er sie mit einer gehobenen Augenbraue.

„Sie haben bisher nur bei einem einzigen Unternehmen gearbeitet und das für fünf Jahre. Was ist passiert, dass Sie Ihre Stelle verloren haben?“

Eva strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn und erwiderte seinen Blick.

„Ich wollte mein Leben in Deutschland nicht aufgeben und nach China ziehen.“

„Also sind Sie nicht bereit, größere Opfer für Ihren Arbeitsplatz zu machen?“

„Ich war damals in einer Beziehung und es ließ sich nicht vermeiden, dass mein ehemaliger Partner und mein Freundeskreis Druck ausgeübt haben. Damit war es mir nicht möglich, mich rechtzeitig zu entscheiden, also ließ ich die Frist verstreichen“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

„Lassen Sie sich in allen Lebenslagen von Ihrer sozialen Umwelt beeinflussen?“ Die zweite Augenbraue schnellte nach oben und verlieh Deispara einen skeptischen Blick.

„Fragen Sie nicht Familie und Freunde um Rat, wenn es um eine lebensverändernde Entscheidung geht?“, antwortete Eva mit einer Gegenfrage. „Vielleicht hätte es mir einen großen Vorteil für meine berufliche Zukunft verschafft, aber Arbeit ist für mich eben nur das — Arbeit. Sie bestimmt nicht mein gesamtes persönliches Leben und ich richte nicht meine sozialen Bedürfnisse nach ihr aus. Sobald ich das Büro verlasse, ist auch mein Soll für den Tag abgeschlossen.“

„Also hängen Sie nicht allzu sehr an einem Arbeitsplatz?“

Der Ton in seiner Stimme ließ Eva innehalten. Eigentlich war es ihr Plan gewesen, Deispara davon zu überzeugen, dass nur sie allein für diese Stelle geeignet sei, weil sie nichts anderes im Leben in den Vordergrund stellte außer ihre Arbeit. Doch irgendwo zwischen „Hallo“ und „China“ hatte sie verdrängt, dass das hier ein Vorstellungsgespräch war und kein Date. Irgendetwas aber war an Deispara, das sie dazu brachte, sich im Gespräch wohler zu fühlen, als sie sollte. Also plauderte sie aus dem Nähkästchen. Fast.

Ihre Pause dauerte anscheinend zu lange, also sprach Deispara einfach weiter.

„Das frage ich nicht, weil Sie mir erscheinen, als würden Sie Verantwortung gerne abgeben, sondern weil ich mich frage, was Sie über mein Unternehmen gehört haben.“

Eva runzelte die Stirn. Sie hatte absolut keine Ahnung, worauf er hinauswollte. Ebenso hatte sie buchstäblich nichts davon gehört. Oder gelesen. Und hatte er sie gerade als rückgratlos bezeichnet?

„Nur Gutes?“ Ihre Stimme stieg zum Ende des Wortes in die Höhe und brachte ihn zum Lachen.

Er lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Knie, was ihm einen angespannten Ausdruck verlieh.

„Keine Gerüchte? Nicht einmal von Sophie?“

Sophie? Warum nannte er Evas Freundin beim Vornamen? Sie hatte ihr nichts davon erzählt, dass sie sich besser kannten als nur von einem kurzen Meeting.

„Ähm. Nein?“ Wieder log Eva, aber auf Sophies Worte konnte man sich auch nie zu 100 Prozent verlassen. Wenn sie sagte, dass gefühlt täglich jemand entlassen wurde, hieß das lediglich, dass sie von einer Entlassung gehört hatte und sich selbst ein Bild malte, das sie apokalyptisch verschönerte.

Deisparas Miene wurde weicher und er richtete sich mit einem Lächeln auf.

„In Ordnung. Ihren Unterlagen zufolge sind Sie größtenteils für die ausgeschriebene Stelle geeignet und ich würde gerne einen Probelauf starten, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Eva sprang vor Aufregung auf und brach über die Zusage in Danksagungen aus. Sie griff unaufgefordert seine Hand, um sie ununterbrochen zu schütteln. Sogar ein klitzekleines Tränchen hatte sich in ihren Augenwinkel verirrt, während sie dem Drang widerstand, Deispara um den Hals zu fallen. So dankbar und froh sie aber über die Tatsache war, endlich eine Arbeit gefunden zu haben, so hatte ihr neuer Arbeitgeber noch immer nicht aufgeklärt, um welche Gerüchte es sich handelte und was Sophie damit zu tun hatte. Weshalb war es ihm so wichtig zu wissen, ob sie über oder andere Informationen vor dem Gespräch kannte? Eva hatte sich von vorn herein darauf eingestellt, dass sie diese Stelle nur zeitweise besetzen würde, doch worauf sie sich tatsächlich eingelassen hatte, würde sie erst später erfahren.

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